Projekt „KaffeeKuchenKamera“

Ein Jahr lang habe ich kein neues fotografisches Projekt gestartet, hatte die Kamera so gut wie gar nicht mehr in der Hand. Die Gründe sind hinlänglich bekannt. Jetzt gibt es wieder ein deutlich erkennbares Licht am Ende des Tunnels und die anfänglichen Zweifel, ob und wie ich mich wieder aufraffen kann, sind schnell verflogen. Ende März lief der Mietvertrag meines Ateliers aus, in dem gefühlt 90% meiner Aufnahmen der letzten 8 Jahre entstanden sind und so lag die Idee für das neue Projekt quasi auf der Hand. Der Arbeitstitel lautet „KaffeeKuchenKamera“ und er gibt einen Hinweis auf was, was sich dahinter verbirgt: ich besuche Menschen (Models und Nicht-Models) zu Hause, bringe Kuchen mit und bekomme im Gegenzug literweise Kaffee spendiert. Und ja … die Kamera habe ich auch dabei und nachdem wir miteinander geplaudert haben, mache ich Fotos von den jeweiligen Protagonisten, die ich für dieses Projekt ausgewählt habe. In ihren Wohnzimmern zumeist – oder eben da, wo wir ein bisschen schönes Licht haben. Viele Menschen sind aktuell noch zu Hause – Lockdown und Home-Office lassen oft nichts anderes zu – und so ist es für beide Seiten eine durchaus willkommene Abwechslung, sich auf Kaffee und Kuchen zu treffen und anschließend auch noch ein paar Fotos zu machen – tagesaktuelle Covid19-Tests machen es möglich.
 
Ich hatte für dieses Projekt eine Ausschreibung auf Instagram gemacht und die Resonanz war überwältigend: über 300 Menschen haben sich bei mir beworben und es ist mir nicht leicht gefallen, einige davon auszuwählen. Abwechslungsreich sollte es sein und nicht zu „modellastig“. Ich mag es, Menschen zu fotografieren, die ansonsten nicht oder nicht so oft vor der Kamera stehen und die etwas zu erzählen haben. Weswegen mir auch der Bewerbungstext wichtiger war als die angehängten Fotos (ich habe sogar zwei Menschen ausgewählt, von denen ich bis heute nicht weiss, wie sie aussehen – der Text war einfach zu überzeugend und ich zu neugierig, so dass ich gesagt habe, dass ich sie unbedingt besuchen muss).
 
 

 
 
Jetzt sind die ersten Besuche gemacht und die ersten Bilder im Kasten und ich muss sagen, dass das Projekt genau so interessant ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Eigentlich ist es sogar noch viel schöner, was eventuell auch daran liegen mag, dass ich hinsichtlich sozialer Kontakte zuletzt etwas „eingerostet“ war und ich mich auf jeden Einzelnen von ihnen so richtig doll freue. Neben der sozialen Komponente kommt für mich auch der spannende Aspekt hinzu, zu beweisen, dass man interessante Porträts auch machen kann, wenn man kein Atelier, kein Studio oder eine wie auch immer geartete „interessante“ Location hat. Etwas, das ich in meinen Workshops und Vorträgen ja schon immer behauptet habe, aber es ist natürlich schön, wenn man es in der Praxis dann auch umsetzen kann.
 
Das Projekt hat für mich so viel Potential, dass ich es langfristig angelegt habe und ich somit auch die nächsten Monate immer mal wieder zwischendurch in die Bewerbungskiste greife und den ein oder anderen auswähle, den/die ich dann besuche. Mal schauen, was am Ende dabei herauskommt – und wenn es am Ende des Tages darauf hinausläuft, dass ich einfach nur viele tolle Menschen kennengelernt habe, ist es ja auch etwas Schönes …
 
Einen Binnenschiffer hatte ich vor der Kamera und eine gelernte Hotelfachfrau, die viel lieber zeichnet und demnächst als Tätowiererin durchstarten will und einen Illustrator, der mal Tätowierer war und demnächst eine große Ausstellung in Paris hat. Einen Arzt, der sich eigentlich bereits zur Ruhe gesetzt hat und jetzt in einem Impfzentrum arbeitet – und der eigentlich viel lieber seinem grossen Hobby, der Fotografie, nachgehen würde. Eine Intensivpflegerin, die jeden Tag mit Corona-Patienten an der Schwelle zwischen Leben und Tod zu tun hat. Einen kurdischen Syrer, der vor 5 Jahren mit Bruder und Schwester nach Deutschland kam und der Maschinenbau studiert. Eine Fremdsprachenkorrespondentin, die vor drei Jahren ein eigenes Café eröffnete und jetzt darauf wartet, „dass es wieder los geht“. Eine Kunsthistorikerin, die als Kuratorin arbeitet und die sich nichts sehnlicher wünscht als dass die Museen wieder öffnen und eine Webdesignerin, die Pilze liebt. Und so weiter und so fort … (und wenn mich jetzt noch mal Jemand fragt, wie ich denn an meine Models komm, verweise ich gern auf mein Projekt und sage „sie wohnen direkt nebenan …“). ;
 
to be continued …
 
 

Ann-Kathrin | Gesundheits- und Krankenpflegerin auf Intensivstation Michael | Arzt Eva | Pharmazeutisch-technische Angestellte Dorina | Fremdsprachenkorrespondentin mit eigenem Café Kyra | Kunsthistorikerin Jean-Luc | Illustrator Alexandra | Webdesignerin + Pilzsachverständige Ahmad | Maschinenbau-Student Melanie | gelernte Hotelfachfrau, Künstlerin Hans-Jürgen | Binnenschiffer

 
 

11 Beiträge zum Thema "Projekt „KaffeeKuchenKamera“"

  • Ich mach’s kurz: TOLL!

    Juergen

  • Ich hatte schon sehnsüchtig auf diese ersten Bilder deines Projektes gewartet :) … Erinnert mich sehr an die Zeit, als ich noch mit „Klein“Künstlern hinter den Kulissen von Konzerten unterwegs war und man immer wieder neue, interessante Wesen traf. So schön aus dem Leben und wie immer voller Wärme eingefangen. Danke!

    Marcus

  • Pures Leben, Menschen des Alltags – wie immer mit viel Feingefühl und einzigartig meisterhaft fotografiert, lieber Andreas! Grossartige Kunst; Punkt!

    Dave Gerber

  • Hallo Andreas,

    phantastisches Projekt – überzeugte mich bei der Vorstellung vom ersten Wort an. So gern hätte ich vorher darüber etwas gewusst, mich vielleicht sogar beworben.

    Eine Inspiration, die mich dahin bringt, über meine Fotografie und ihre Entwicklung nachzudenken.

    Herzlichen Dank und Grüße nach Haan

    Nicola Graß

  • Lieber Andreas,
    als Bewunderer Deiner Kunst bin ich auch von diesem Projekt begeistert. Mir fehlt noch der Mut auch so etwas umzusetzen. Ich denke dabei zu viel an die Protagonisten, dass es ihnen wahrscheinlich unangenehm sein wird, fotografiert zu werden. Und damit verbaue ich mir selbst schon vorher etwaige Erfolge der Umsetzung.
    Vor Jahren hatte ich das Verlangen nur mehr in schwarz/Weiß zu fotografieren, doch es scheiterte an meiner Konsequenz, das auch umzusetzen.
    So hatte ich am letzten Samstag ein Shooting mit zwei Models, in der festen Absicht nur s/w-Ergebnisse zu produzieren. Doch dann habe ich sie mir auch in Farbe angesehen – was sich in der Bearbeitung in Lightroom nicht vermeiden lässt (weil s/w-Vorschauen im Entwicklungsmodul im RAW, in Farbe dargestellt werden) – und sie haben mir aufgrund der Farbharmonie so gut gefallen, dass ich mehrere auch in Farbe „entwickelt“ habe.
    Na ja, mal sehen was noch aus meiner s/w-Fotografie wird.

    Ich hoffe ich komme mal dazu, einer Deiner Workshops zu besuchen. Kommst Du auch mal nach Österreich?

    Liebe Grüße, einen angenehmen Tag und g’sund bleiben.
    Roland

    Roland Dutzler- Roland Photography

  • Jornsch‘es, perfektes Licht bei allen
    Bildern… grosse Klasse!

    silvan

  • Ich verfolge dein Fotos mittlerweile regelmäßig. Sie sind für mich „ECHTE“ Fotos, jedes für sich einzigartig.

    Conny

  • Hallo Andreas,
    ganz tolles Projekt mit fantastischen Bildern und mit Sicherheit unheimlich interessanten Geschichten. Es immer wieder schön deine Projekte zu verfolgen, nicht nur zur eigenen Inspiration.
    Viele Grüße Robert

    Robert

  • Tolle Idee!

    Viel Erfolg und Freude dabei!

    Michael Dhonau

  • Hallo Andreas,
    Du bietest ein Beispiel dafür, wie es weitergehen kann, ja muss! Ein sehr interessantes Projekt, das Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit zeigt mit gewohnt guten Aufnahmen. Ich vermisse allerdings Menschen, die sozial niedriger stehen, denen man den Kampf ums (Über)Leben ansieht! Vielleicht kommt ja so etwas noch?

    Viele Grüße und meinen Dank fürs Aufmuntern Volker

    Volker Krause

  • Habe Corona bedingt etwas ähnliches gemacht. Einfach mal im Ortsteil gefragt oder einfach zum Abschied (Hausarztpraxis schließt) ein paar Bilder gemacht. Geht alles.

    Karsten

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