
Es ist allgemein bekannt, dass ich meine Bilder nicht gern erkläre, und dennoch wurde ich in den letzten Monaten häufig gebeten, wenigstens eine kleine „Lesehilfe“ für meinen Bildband „Im Jahr des Drachen“ zu geben – eime Art Einordnung. Kontext, wenn man so will. Gerade weil er so „anders“ ist als meine bisherigen Bildbände. Was nicht nur an dem ungewöhnlichen Genre-Mix aus Street- und Porträtfotografie liegt, sondern eben auch an dem Inhalt. Und der Aussage. Aber welche ist das eigentlich?
DIE Aussage gibt es nicht. Natürlich nicht, denn mir ist wichtig, dass die Betrachter in‘s Grübeln kommen und eigene Interpretationen finden.
Mit „Im Jahr des Drachen“ erzähle ich (m)eine Geschichte des Drachen-Jahres (Februar 2024 bis Januar 2025) und vielleicht ist es auch deshalb mein bisher persönlichster Bildband, denn ich habe all das einfließen lassen, was mich bewegt – und was mir zu schaffen macht.

Es geht um die deutsche Geschichte damals wie heute (inkl. des wieder aufflammenden Antisemitismus) -, aber auch um den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft. Um Menschen, die zwischen Frust, Trotz und Hilflosigkeit pendeln. Auf der Suche nach dem richtigen Weg, den es augenscheinlich nicht gibt. Es geht um die Erkenntnis, dass alles ein Kreislauf ist, wir aber jederzeit aufpassen müssen, dass sich die düsteren Kapitel der Geschichte nicjt wiederholen. Letzten Endes geht es darum, dass wir uns wieder auf unsere Werte besinnen. Ein Plädoyer für die Demokratie im Sinne Winston Churchills:
„Die Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen, abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert wurden.“
Verpackt ist das alles in Metaphern und ganz viel Symbolik. Ein Bildband, für den man sich Zeit nehmen sollte.
REAKTIONEN
Kai:
„Was für ein Buch. Ich habe das Buch nun schon mehrfach genossen. Ich weiß nicht ob es das ist was du ausdrücken wolltest. Für mich ist dieses Buch ein großer Spiegel der Gesellschaft. Mit deiner Playlist…. im stillen, alleine…in Zeit und Raum. Es kommt nicht oft vor, das mich ein Bildband so gefangen nimmt. Für mich ist es das stärkste Buch von dir. Ich ringe nach Worten, um meine Gedanken / Gefühle zu fassen. Das wunderbare ist, die Playlist läuft länger als das Buch. Man legt es zur Seite. Der Kaffee ist längst kalt. Langsam rinnt er durch den Mund und sucht sich seinen Weg. Genau wie die Bilder in dem Buch, getragen durch die Musik. Wabern sie vorm inneren Auge und suchen sich den Weg durch die Synapsen. Verfangen sich in den Windungen. Werden lebendig. Ziehen ihre Kreise. Tauchen auf und ab im ewigen Strom der Zeit. Neuer Kaffee. Das Buch wieder auf den Beinen. Von vorne. Hängen bleiben. Neues entdecken. Neue Gedanken. Die Musik erfüllt die Luft mit dem Duft des Kaffees. Die Gedanken stottern, passt der Geruch doch so gar nicht zum gesehenen. Erwartet der Kopf doch Modergeruch, Wind, Salz, Haut. Ein Schrei in der Stille der Musik. Sascha’s schrei. Ausdruck in seiner reinsten Form. Ich lege das Buch zurück auf den Ständer. Der Bruderkuss guckt mich an. Zurück in der Geschichte und wieder vor in die Gegenwart. Zeitreise. Danke für so viel Emotionen und Gefühl.“
Philipp:
„Ich habe den Bildband mittlerweile bereits mehrfach durchgesehen. Mit keinem dieser Durchläufe wurden die darin enthaltenen Fotografien in irgendeiner Form langweilig – die Bilder haben bei mir stets eine Reaktion ausgelöst. Und darum geht es doch, oder? Die Bilder sollen etwas bei der betrachtenden Person bewirken. Besonders aufgefallen ist mir, dass die Bilder in deinem Buch bei mir ganz verschiedene emotionale Reaktionen hintereinander oder sogar gleichzeitig auslösen: Ich bin erstaunt, erfreut, amüsiert, besorgt, nachdenklich, und ein bestimmter Seitenübergang ängstigt mich sogar ein wenig. Es ist doch toll, dass ein Bildband das erreichen kann. Die Wirkung anderer Bücher ist häufig deutlich eindimensionaler Wirkung. Zudem finde ich, dass die Kompaktheit des Buchs positiv zu dieser Wirkung beiträgt – all diese Reaktionen kann ich in einem Durchlauf durchleben, und vermutlich wirken sie genau deswegen so stark. Deinen Blindband „Finally“ habe ich, wenn ich mich richtig erinnere, nie in einem kompletten Durchlauf geschafft, sondern deutlich selektiver durchgeblättert. Dadurch entsteht eine ganze andere Wirkung.“
Toni:
„Zusammengefasst möchte ich sagen, dass der Bildband für mich eine Kombination aus den klassischen „Jorns-Wurzeln“ gepaart mit absoluter Symbolcharakteristik ist. Ich sag´s salopp: „Hier ist etwas, was ich interessant finde. Mach dir DEINE Gedanken dazu!“. Ich empfinde diesen Bildband als denjenigen von dir, in dem du am meisten von dir preisgibst.“
Ralph:
„Ohne Pathos, ohne große Interpretation – einfach ein paar Gedanken zu deinem „Im Jahr des Drachen“.
Was ich sehe in deinen Bildern…
Deine Bilder, meine Gedanken.
Deine Bilder, was sie in mir auslösen.
Deine Bilder – sieht es so in mir aus?
Verlorene Seelen. Sinneskrisen – persönlich, politisch, religiös.
Fehlende Anker in der Welt. Krieg. Reizüberflutung. Desorientierung.
Schwarze Löcher, die Seelen fressen. Einsamkeit.
Gesellschaftlicher und sozialer Bankrott.
Wo ist mein Platz?
Wo kann ich mich noch verorten, erden?
Zwischen Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit.
In einer Zeit, die uns überfordert.
Danke für diese Irritation.
Und das Echo, das bleibt.“